Als der Braunbär, "die wilde Bestie" oder "König der Tiere" genannt, aus unseren Wäldern verschwunden war, und auch der Bärenführer mit seinen tapsigen "Tanzbär" nicht mehr von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zog, tauchten Bären und Bärchen in unseren Kinderzimmern auf. Seit der Plüschbär vor hundert Jahren auf die Welt kam, ist es beinahe unvorstellbar, dass ein Kind in der westlichen Welt ohne ihn aufwächst. Er wurde ein nicht wegzudenkendes Spielzeug des ersten Lebensabschnitts. Bären machten und machen Kinder glücklich. Warum wohl? Warum brauchte und braucht jedes Kind sein Bärchen?

Eine erste Antwort boten die Kinderbücher, denn sie hatten der wilden Bestien die Zähne gezogen, sie hatten aus ihr eine Gestalt mit Innenleben gemacht. Der vermenschlichte Bärencharakter bereicherte die kindliche Vorstellungswelt, das Tier erhielt etwas Beruhigendes, weil es vom Kind beherrscht werden konnte.

In den ältesten Märchen ist der Bär ein wildes Tier, das in Höhlen lebt, auf allen Vieren durch die Wälder streift und den Menschen meidet. Dieses Waldtier hatte keine natürlichen Feinde, einzig die Begegnung mit dem Menschen brachte Gefahren für beide, war mit dem Kampf auf Leben und Tod verbunden, mit größter Mutprobe, mit Bewährung.

Manche späteren Märchen und alten Sagen weisen auf Gemeinsamkeiten des Bären mit dem Menschen im tiefen Nebelwald hin - er kam nahe an die Vorstellung von einem Bärenmann heran, in dem auch ein verzauberter Prinz hätte verborgen sein können. Jeder Mensch, der in Märchen und Geschichten mit Bärenmilch aufgezogen wurde, war stark und besaß die übernatürlichen Fähigkeiten des brummenden Freundes. Er war Retter und Helfer in der Not, mit ihm konnte man kuscheln und sich balgen, unter seinem Fell fand sich manchmal verborgenes Gold.

Goethe hängt in der Dichtung "Lillis Park" der Vorstellung an, ihn würde im Bärenfell ein zartes Mädchenbein streicheln. Heinrich Heine besang Jahre später seinen Tanzbären, "Atta Troll", der über die Pyrenäen flüchtet, von dort über die politischen Verhältnisse in Deutschland berichtet, sich aber zuletzt ins Verderben stürzt.

Zwei Jahrhunderte später schreibt der Autor und Erfinder von E. T. in seinem Buch über einen Bären, der einem Professor das fertige Manuskript eines Romans stiehlt und zum gefeierten Bestsellerautor wird. Der Bär trifft sich mit der begeisterten Filmagentin Zou Zou in New York in einem Restaurant. Als ihr der Rock hochrutscht, sieht der Bär ihre glatt rasierten Beine, die er wohlgefällig betrachtet und meint: "Schade, dass Sie sie rasiert haben... Lassen sie es doch wachsen..."

Vor hundert Jahren also tauchte das Bärchen im Kinderzimmer auf, und sogleich stand es dem Kind bei seinen alltäglichen Problemen und Kümmernissen zur Seite, wurde ihm zur idealen Projektions- und Spiegelfläche. Das Kind identifizierte sich mit ihm, projizierte einerseits die eigenen Schwächen sowie Bedürfnisse und Hoffnungen auf ihn, andererseits ermutigte und tröstete es auf eine Art dankbarer Befreitheit. Zwischen dem Kind und dem Bärchen erwuchs eine starke persönliche Beziehung, die mitunter über den Kindheitsrahmen hinausreichte.
Der Psychologe Jan Uwe Rogge erinnert sich: "Als ich neulich mit Kindern auf einen mehrtätigen Ausflug ging, kam der neunjährige Simon mit einem großen Rucksack, aus dem ein Braunbär lugte, ein Auge fehlte ihm und ein Ohr hing schlapp herunter, das andere schien in unendlichen langen Nächten von Simon zerkaut. Als ich den Bären anschaute und Simon fragend ansah, ob er seinen Bären denn mitschleppen wolle, antwortete er ganz selbstbewusst: „Der hat heute morgen so lange genervt, bis ich ihn mitgenommen habe!"

Das Leben eines Kindes setzt sich nicht nur aus glücklichen Momenten zusammen, sondern auch aus Betrübnis, Schmerzen und Tränen - zumal aus Angst vor unbekannten, unerklärlichen, nebulösen Geschehnissen, die für uns Erwachsene nicht immer nachvollziehbar sind. In solchen Augenblicken sieht das Kind etwas oder jemanden, an dem es Halt findet, es sucht Nähe. Dann drückt es das Bärchen an sich, findet in ihm den Gefährten, den Trost und die Kraft zum Ertragen und Überwinden eines Schmerzes.

Ich nahm in meine Kollektion nicht nur teure alte, gut erhaltene Bären auf, ich nahm vor allem auch Partner mehrerer Kindergenerationen auf, vielbeschmuste mit abgewetztem Fell und löchrigen Tatzen. Bei der sicherlich subjektiv historisierenden Auswahl der Bären ließ ich mich zumeist von ihrem Ausdruck der Verlassenheit leiten, also weniger von ihrer Bedeutung und ihrer Reihung in der Geschichte der Spielwarenindustrie; mich leitete vielmehr die Hoffnung, dass meine Leser und Betrachter sich Zeit nehmen werden zum Aufspüren der sichtbaren und latenten
Kindheitseindrücke unserer Vorfahren.

Das alte Plüschbärchen kann, im Unterschied zu uns, auch nach einem Jahrhundert nicht erwachsen geworden sein - es ist und bleibt die Verkörperung ewiger Kindheit

Ivan Steiger