Das Spielzeugmuseum auf der Prager Burg hat der Barbie-Puppe in der Alten Burggrafschaft in den Räumlichkeiten, wo einst der junge Karl IV. residierte, ein ganzes Stock gewidmet.
Über 4500 Puppen aus Barbie´s Welt - einschließlich Schwester Skipper, Ken, Francie, Jazzie und anderer Freunde der Vinylmodepuppe - zählt die Sammlung der Familie Steiger aus München. Davon werden über 900 ausgewählte Exemplare, zusätzlich zur festen Ausstellung alter Spielzeuge, präsentiert.
Barbie reflektiert die Entwicklung der Mode und des Zeitgeistes ab den fünfziger Jahren bis heute, beginnend mit dem deutschen Vorbild, der "Bild-Lilli", einer Schöpfung des Karikaturisten Reinhard Beuthien.
Aus historischer Sicht wird der Barbie-Puppe heute die kulturelle Bedeutung zugemessen, die sie verdient: Mehr als nur ein Spielzeug zu sein, vielmehr ein getreues Abbild der Zeitströmungen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts - von der Flower-Power über Pop-Art bis zur Punk-Bewegung.
Modeschöpfer von Dior, Chanel und Givenchy bis hin zu Calvin Klein haben Barbie immer ein zeitgemäßes Outfit geschenkt. Gina Lollobrigida, Brigitte Bardot, Twiggy, Audrey Hepburn, Jane Fonda, Robert Redford, Neil Diamond und viele andere Stars wurden durch Barbie-Puppen verkörpert.

Geöffnet täglich von 9.30 bis 17.30 Uhr


Einleitung

Seit die Barbie Modepuppe am 9. März 1959 auf der New Yorker Spielzeugmesse das Licht der Welt erblickte, teilt sich die Menschheit in Anhänger und Gegner des blonden Püppchens. Denn bei all ihrer Normalität und Nettigkeit, bei all dem Unbedarften und Unspektakulären, der Friedlichkeit und Freundlichkeit - immer läßt sich über die 29 Zentimeter großen Vinylpuppe sagen, daß sie Streit heraufbeschwört.

Feministinnen und kritische Pädagogen sehen in der Modepuppe eine Frau widergespiegelt, die ein unselbständiges, von Konsum, Oberflächlichkeit und Schlankheitswahn geprägtes Leben führt. Vermarkter und wohlmeinende Pädagogen hingegen glauben, die Puppe ermögliche es Mädchen, neue Verhaltensweisen auszuprobieren, in die Erwachsenenrolle hineinzuwachsen, sich spielend mit der Welt vertraut zu machen. Die berühmteste Puppe der Welt ist Vorbild und Abziehbild zugleich.

Die Zeichenfigur aus der "Bild-Zeitung", die die amerikanische Unternehmerin Ruth Handler zum Vorbild für die nach ihrer Tochter Barbara benannte Barbie-Puppe nahm, verfügte schon über all die Eigenschaften, die Barbie später berühmt-berüchtigt machten: Sie war blond, von stupsnasiger Schönheit, intellektuell nicht immer, modisch immer auf der Höhe der Zeit.

Wie Bild-Lilli, so stellt auch Barbie ihren Charme mit langen Beinen und Traummaßen unmißverständlich heraus. Als Nachfolgerinnen von amerikanischen Pin-up-Girls traten die beiden in einer Zeit auf, als man nach einem langen Krieg den Wohlstand wiedergewonnen hatte und die Schönheit neu entdeckte. Man war frei und liebte das schwerelose Leben, das seinen Reiz immer stärker aus weiblichen Reizen bezog. Man liebte es bunt nach den grauen Nachkriegsentbehrungen. Junge Frauen wollten bei der neuen Lufthansa-Flotte Stewardessen werden, um ihre Sehnsucht nach Weltläufigkeit und Eleganz zu stillen. Da kam Barbie gerade recht. Denn Barbie, die fragt nicht, was gut oder wahr ist, sie fragt nur die weiblich-allzu weibliche Frage: Bin ich schön?

Daß sie viel Wert auf Schönheit legt, läßt sich an dem Arsenal an Frisuren, Schminktöpfchen, Taschen, Sonnenbrillen, Tüchern erkennen, das ihr zu Diensten und den Eltern zum Kauf steht. Aber der enorme Aufwand zahlt sich nicht unbedingt in Schönheit aus. Barbie war immer so schön, wie Esther Williams Beine, Gina Lollobrigidas Brüste und Brigitte Bardots Mund in Plastik gepreßt schön sind.

Barbie wollte schön bleiben, indem sie sich den Zeitläufen anpaßte. In den sechziger Jahren waren Audrey Hepburn und Jane Fonda die Vorbilder, dann Cher und Farah Fawcett. Von Givenchy und Dior ließ sie sich einkleiden, später liebäugelte sie mit der Flower-Power-Begeisterung und mit Disco-Mode.

Jeden Trend machte sie gnadenlos mit, und sie fühlte sich durch Kunst und Gesellschaft bestätigt: Denn seit den sechziger Jahren sah man die Welt anders. Das Farbfernsehen wurde eingeführt, Pop-Art und Op-Art erhoben den Alltag zur Kunst, die Gesellschaft befreite sich von herkömmlichen Wertvorstellungen. Das alles half Barbie, denn sie wäre nicht bekannt geworden, wenn die Menschen nicht freizügige Schönheit und die bunte Plastikwelt zu schätzen gelernt hätten. Barbie erwies sich sogar als geradezu unglaublich anpassungsfähig: Selbst mit der Punk-Bewegung ließ sie sich ein, sie repräsentierte also auch eine Anti-Schönheits-Bewegung.

Wichtiger als die Schönheit war für Barbie und ihre Schöpfer ohnehin seit Beginn das Geschäft. Schon "Barbie Nummer eins", inzwischen vierzig Jahre alt und unter Sammlern 8.000 € wert, die mit dunklem Lidschatten, Sonnenbrille und gestreiftem Badeanzug für drei Dollar zu erwerben war, hatte 21 Kleidungsstücke in ihrer Garderobe. Braucht eine Frau 21 Kleidungsstücke, um schön zu sein? Vermutlich nicht.

Aber Barbie, das haben ihre Gegner oft übersehen, stammt aus der Tradition der Anziehpuppen, die seit dem späten siebzehnten Jahrhundert mit Chemisen und Hüten, Pelzen und Hauben, Unterröcken und Wintertrachten bekleidet wurden.

Das Rollenspiel, das der Bildung von Bürgertöchtern diente, hat sich mit Barbie verselbständigt: In so vielen Kleidern und Rollen gefällt sich die Puppe, daß sie Mädchen leicht in Identifikationskrisen stürzen könnte.

Barbie hat es ihren Gegnern immer leicht gemacht, ihren Schönheitswahn mit mangelnder intellektueller Reputation gleichzusetzen. Freimütig sagte sie Sätze wie "Ich hasse Mathematik", bis der amerikanische Mathematikerverband protestierte. Jetzt sagt sie unverfänglichere Sätze wie "Ich esse gern Eis" oder "Ich mag Ken", die ihrer intellektuellen Reputation aber kaum aufhelfen.

Barbie-Verteidiger wenden ein, daß Barbie nicht zum unselbständigen Dummchen verkommen ist. Schließlich übte sie viele Berufe aus: Sie war schon Krankenschwester, Ballerina, Modeschöpferin, Abfahrtsläuferin, Pilotin, Feuerwehrfrau, Basebal Spielerin. Sie war sogar Astronautin, ehe Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond setzte. Philosophin war sie noch nicht. Aber muß eine junge Frau Philosophin werden? Kinder würden sagen: Nein. Ihr Wunsch nach der zumeist blonden Puppe ist auf der Welt schon mehr als eine Milliarde mal erfüllt worden. So hat die normative Kraft des Konsums schon milliardenfach pädagogische Bedenken außer Kraft gesetzt.