Geschrieben von: Dr. Eduard Beaucamp   

Ivan Steiger – Ein Bildpoet

Mit der ersten Präsentation seiner Gemälde in diesem Buch macht uns Ivan Steiger mit einem neuen Aufbruch bekannt. Der berühmte Cartoonist verlässt den Mikrokosmos seiner Zeichnungen, in dem er mit seiner sparsam - lakonischen Handschrift seit Jahrzehnten hintersinnig die politischen, moralischen und gesellschaftlichen Dramen unserer Gegenwart abhandelt - vom Desaster des Prager Frühlings bis zur Medienherrschaft, der wir uns heute in lustvoller Verblendung unterwerfen…

… Jetzt also verlässt Steiger die subversive Intimität und Verwinkelung seiner Menschheitsmechanik und macht uns in diesem Buch bekannt mit seinem Aufbruch in die Malerei. Steiger sucht zuallererst Lebenssteigerung; er will sich in der Malerei ausleben und alle handwerklichen Spielregeln und Rücksichten durchkreuzen. Zwanzig Jahre Inkubationszeit habe es bedurft, so der Künstler, bevor er sich ans große Format traute und die freie, spontane Geste riskierte. Er habe, so erinnert er sich, in Bilderausstellungen Schmerz empfunden und sich gefragt: Warum habe ich das nicht gemalt? Die ersten Bilder vernichtete oder übermalte er: Sie standen in noch zu enger Verbindung mit seinen Cartoons. In surrealistischer Manier hantierte er da mit Spielzeugen und Puppenfiguren. Es dauerte seine Zeit, bis es soweit war, dass er seinen Phantasien, Emotionen und, wie er sagt, „barbarischen“ Sehnsüchten freien Lauf liess und die Bühne der Bilder eroberte.

Das große Format ist der Traum jedes Künstlers. Natürlich kommt Steiger bei seiner „psychischen Improvisation“ nicht an Miró und Klee, an Dubuffet, den Cobra-Malern, den abstrakten Expressionisten Amerikas und namentlich Twombly vorbei. Sein Ziel ist der noch direktere, unbändigere Ausdruck. Zum Erweckungserlebnis wurden die Bilder eines radikalen Zeitgenossen - des

Ist eine solche Neugeburt, eine eigenständige Metamorphose heute noch möglich? Sind nicht längst die Gesten, Attitüden und Auftritte, die kalkulierten Eruptionen und Verlaufsformen der Farben und die Material-Inszenierungen, kurz die Rituale der Spontaneität ausgereizt und verbraucht?

Steiger ist nicht allein auf der Welt und erfindet die Malerei nicht neu, aber bekräftigt sie durch sein Werk eindrucksvoll. Emphatisch erinnert er sich in seinen Bildern einer riesigen Ahnenschaft – von der Höhlen- und Felsmalerei, dem Bilderkult der Naturvölker, der hemmungslosen Fabulierlust der Kinder und der kreativen Psychopathen. Er memoriert auch all die Verjüngungsversuche, Befreiungs- und Lockerungsprozeduren der Moderne bis zu den variantenreichen Spielformen des zeitgenössischen Skripturalismus.

Steiger mischt sich ungezwungen, manchmal geradezu übermütig in den Chor der schon genannten Bildpoeten oder scheint sich an die Seite Pencks zu stellen, mit dem er die Erfahrung eines totalitären Systems, das zur Selbstbehauptung herausforderte, das Erlebnis der Emigration und die daraus entwickelten Chiffren und Verschlüsselungsmethoden teilt.

Den Einstieg und die Einstimmung ins Bild sucht Steiger hier und da Mithilfe seines vertrauten lebenslangen Leitmotivs, der Jedermann-Metapher. Auch die vertrauten Sonnen, die Blumen, Vögel, Fische und Häuser geistern durch die Malerei. In Collagen schleichen sich anfangs seine Cartoons in die Bilder ein. Die Schrift taucht in ihnen nicht als kommentierendes Vehikel, sondern als elementares Bildmittel auf. Eines der frühesten und eindrucksvollsten Beispiele ist ein mit Botschaften an seine Kinder vollgespicktes Bild. Andere Werke leben vom Duktus der Schrift. Manchmal richten sich die Motivmetaphern zur bildbeherrschenden Großfigur und wie zum Disput oder wie zu einer Manifestation auf, ein anderes Mal ziehen die Figuren in mikrobenhaften Schwärmen durchs Bild und verflüchtigen sich in skripturalen Spuren oder Farbnebeln. Steiger liebt den rauen Untergrund und wartet, wie er sagt, auf „Geschenke“, auf Angebote oder Zufälle. Die Dialektik von malerischem Farbflächen-Fond und zeichnerischen Interventionen ist auf weiten Strecken prägend. Steiger schreibt sich flüsternd und huschend, manchmal aber auch mit auftrumpfendem Gestus seine Leidenschaften, seine Erfahrungen, Schicksale und Botschaften von der Seele. Unruhe, bisweilen sogar ein Sturm der Gefühle durchzieht die Bilder. Der Maler wühlt sich in die Farben, gestikuliert mit Formen und Figuren. Auf dramatische, gepeitschte oder sich bedrohlich auftürmende Tafeln folgen aber gelassene, meditative, sich verlaufende, gleichsam in den Tiefen der Zeit verrinnende Werke. Die Bilder können wie Appelle und dämonische Warnungen wirken, aber auch wie Erinnerungen und Denkmäler. Der erfahrene Cartoonist ist ein noch junger Maler. Er sagt, dass er selber nicht wisse, „wohin das alles geht“.